Bewerbungen: Szenen aus dem Berateralltag

Wer in irgendeinem einschlägigen Forum Fragen zu seinen Bewerbungen einstellt, erhofft sich möglichst viele Antworten, aus denen sich im Sinne einer Schwarmintelligenz ein paar wertvolle Hinweise herauskristallisieren. Wenn nichts dergleichen passiert – auch gut. Wenn Meinungen geäußert werden, die einem gewaltig gegen den Strich gehen, kann man widersprechen, den Schreibern die Kompetenz absprechen und/oder sie ignorieren. Für lau kann und muss man keine großen Ansprüche stellen. Man sollte aber doch meinen, dass jemand, der dafür Geld ausgibt, auch die Einschätzung eines Beraters kennenlernen möchte. Es geht heute (Sie ahnen es?) um Szenen aus dem Berateralltag. Und die sind manchmal … Aber lesen Sie erst einmal!

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Zahllose Bewerbungen und keine Einladung!

Da meldet sich eine Person bei Ihnen, die ist genervt, ratlos, manchmal regelrecht verzweifelt. Man ist auf der Suche nach einem neuen Job, aber es will nicht klappen. X Bewerbungen, keine Einladung zum Vorstellungsgespräch. Die üblichen Erklärungen – Alter jenseits der 50, Quereinsteiger, unruhiger Lebenslauf – greifen nicht. Nichts davon kann die Ursache für diese Erfolglosigkeit sein. Die gestellte Aufgabe scheint klar. Mir jedenfalls! Es geht darum, sich die gesamten Unterlagen auf die Wirkung hin anzuschauen, die diese Bewerbungen auf die Empfänger haben oder haben könnten. Denn so genau steckt man ja als Außenstehender nicht drin.

Als Material liegen neben den Unterlagen ein oder zwei Stellenanzeigen vor, die den angestrebten Arbeitsplatz beschreiben. Denn egal, wer auch immer erzählt, dass ein Lebenslauf oder ein Anschreiben für sich bewertet werden könne – es stimmt nicht. Eine Bewerbung ist ein Gesamtpaket mit allen Unterlagen, die man dem suchenden Unternehmen zur Verfügung stellt. Und auch der Bewerber gehört dazu. Denn sollte er eingeladen werden, dann passiert ein Abgleich: Die Art und Weise seines Auftrittes mit dem, was er über sich geschrieben hat, die Art und Weise, wie er das getan hat. Die ganze Person, ihre Sprache, ihre Ausstrahlung, ihre Art, sich zu kleiden, wird mit dem Eindruck verglichen, der bei der Lektüre der Unterlagen entstanden ist. Im Idealfall passt alles positiv zusammen.

Passt alles zusammen?

Lebensläufe werden ja mit einer bestimmten Absicht erstellt. Sie sollen dem Empfänger deutlich machen, dass man als Bewerber für die ausgeschriebene Stelle geeignet ist. Wenn man 30 oder mehr Bewerbungen schreibt, ohne eine einzige Einladung zu einem Interview zu erhalten, dann deutet einiges darauf hin, dass etwas nicht stimmt: die Auswahl der Stellen, die Darstellung, der Werdegang.

Der vergleichende Blick zwischen Anzeigenprofil und dem, was der Bewerber in seinen Unterlagen von sich darstellt, macht oft sehr schnell klar, dass Anforderungen und gegebene Informationen im CV nicht zusammenpassen. Mir jedenfalls.  Also mache ich als Coach meinen Job. Ich erkläre, ich weise auf Unklarheiten hin, auf Ungereimtheiten, auf Unglaubwürdiges. Und bisweilen weise ich darauf hin, dass der Misserfolg an der falschen Auswahl der Anzeigen liegt. So weit, so gut. Manche Bewerber akzeptieren das und machen sich daran, ihre Unterlagen zu überarbeiten. Sie machen sich Gedanken zu ihren Kompetenzen, frischen gegebenenfalls durch Weiterbildungen ihre Kenntnisse auf,  informieren sich umfassend über die suchenden Unternehmen und die in der Anzeige gestellten Anforderungen.

Die anderen … Manch einer scheint nicht wissen zu wollen, wie die Bewerbungsunterlagen auf den Empfänger wirken. Nur die eigene Meinung zählt. Die eigene Einschätzung, wie ein guter Lebenslauf aussehen muss, überdeckt jeden noch so konkret vorgetragenen Hinweis. Warum sich die Mühe machen, die Anforderungen aus der Anzeige zu analysieren und darauf in Lebenslauf und Anschreiben einzugehen? Noch einmal neu überlegen und Arbeit investieren? Entweder es geht so, wie man sich das gedacht hat oder – ja was? Sind dann alle anderen unfähig? Haben keine Ahnung? Sind voll von Vorurteilen und geben dem Jobsuchenden keine Chance? Und warum um Himmels willen gibt man dann Geld für eine Beratung aus, wenn man eigentlich nur die eigene Meinung bestätigt bekommen möchte?

Was erwarten Arbeitgeber von Bewerbungen?

So ein Verhalten zu beobachten ist beklemmend. Auch deshalb, weil man kommen sieht, dass die berufliche Entwicklung einen (weiteren) Knick bekommen wird und man das nicht verhindern kann. Dabei ist es doch eigentlich so nachvollziehbar, was Arbeitgeber wollen.

  • Sie suchen relevante Informationen! Wenn in der Anzeige nachweisbare Erfahrungen beim Vertrieb erklärungsbedürftiger Produkte aus dem Maschinenbau erwartet werden, dann benennen Sie diese Erfahrungen möglichst konkret. Wenn Sie diese Erfahrungen nicht haben und nur Kosmetik vertrieben haben, dann ist die Anzeige für Sie ungeeignet. So attraktiv die Stelle Ihnen auch erscheinen mag.
  • Sie wollen ein übersichtliches und leicht lesbares Dokument vor sich haben. Keiner wühlt sich gerne durch Kleingedrucktes, Zusammengequetschtes, um dann vielleicht (!) interessante Informationen zu finden.
  • Sie wollen keine Rätsel lösen. Wenn Sie Lücken in Ihrer Erwerbsbiographie haben, dann weisen Sie die aus und verstecken Sie sie nicht. Im Abgleich mit den Daten aus Ihren Zeugnissen kommen solche Versuche sowieso ans Tageslicht.

Sie suchen ganz einfach die Antwort auf die Frage, was Sie – den Absender – für den ausgeschriebenen Job qualifiziert. Wo Ihre persönlichen Schwerpunkte liegen. Und zwar bezogen auf den Job! Wenn Sie die Anzeige sorgfältig lesen und bearbeiten, dann können Sie mit Sicherheit diese Informationen liefern. Denn die sind doch nachvollziehbar, oder? Wenn Sie in einem Lokal etwas essen wollen, dann erwarten sie ja auch eine klare Angabe auf der Speisekarte, was es alles gibt. Und nicht den Hinweis: Schauen Sie im Kochbuch auf den Seiten 17, 21 und 35 nach!

Viele Grüße Ihre Sabine Kanzler

Siehe auch: Wie sollte mein Online-Profil aussehen?

Bild: Kate Ter Haar | flickr.com | CC by 2.0 | Ausschnitt

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