Sabine Kanzler - Karrierecoach

Alter vor Schönheit

Volkes Stimme ist gerne mal verräterisch. „Alter vor Schönheit“ wird über alle Altersstufen gerne mal genutzt, wenn man auf einen Vorteil aus ist, sich vordrängeln will. Wie hoch das Alter im konkreten Falle ist oder sein muss, damit der Spruch wirklich gilt, ist irrelevant. Hauptsache, derjenige, vor den man sich drängeln will, ist jünger! Wirklich nett und rücksichtsvoll hört sich das nicht an, im Gegenteil: Hier manifestiert sich ein Anspruch!

Die Realität scheint anders. „Ältere“ Bewerber hätten auf dem Arbeitsmarkt Schwierigkeiten, einen neuen Job zu finden, so ist regelmäßig zu lesen. Wobei man sich gerne mal uneinig ist, wann genau „älter“ beginnt.

Fakt ist, dass selbst die Zahl der Beschäftigten über 60 in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen ist.

Es stimmt jedoch auch, dass es Unterschiede gibt, ob jemand sich in einem körperlich fordernden Beruf neu bewirbt oder in einem Schreibtischberuf oder im Vertrieb beispielsweise. Da muss man zwar viel unterwegs sein, aber die Fähigkeit zum Kistenschleppen gehört nicht zwingend zur Arbeitsplatzbeschreibung dazu.

Und ebenso gilt: Es gibt „junge“ Branchen, in denen ein Mitarbeiter schon Ende 30 zur „bedrohten“ oder sogar „aussterbenden“ Gruppe gehört. Wenn man mal die 40 überschritten hat, dann steigt mit jedem Jahr zusätzlich die Chance, dass der zukünftige Vorgesetzte jünger ist, als man selber und dass man das akzeptieren muss. Nicht immer leicht! Auch der jüngere Vorgesetzte tut sich unter Umständen schwer bei der Vorstellung, eine Truppe von Mitarbeitern zu haben, die allesamt über mehr relevante Erfahrungen verfügen als er. Potenziell alles Besserwisser! Auch das wird er im Hinterkopf haben, wenn er die eingehenden Bewerbungen sichtet.

Ältere Arbeitnehmer haben es also schwer. Das ist unumstößlich, oder?

Schwerer als wer? Als Berufsanfänger? Als Frauen im „gebärfähigen Alter“? Als Arbeitnehmer in strukturarmen Landstrichen? So gesehen haben es viele schwer. Über die Gesamtheit eines Berufslebens hin eigentlich alle. Von Zeit zu Zeit.

Wer mit der Überzeugung lebt, er habe aufgrund seines Alters einen erhöhten Anspruch auf gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt, wer sich „verkannt“ fühlt, der wird sich auf Dauer unglücklich machen. Wer mit der Einstellung lebt, dass es in Unternehmen unterschiedliche Anforderungen gibt, für die im Rahmen einer ausgewogenen Altersstruktur Mitarbeiter gesucht werden, hat es emotional leichter. Denn eine Absage ist dann eher der Hinweis, dass man das richtige Unternehmen noch nicht gefunden hat.

Was man als Bewerber selber dafür tun kann, jenseits vom Alter als attraktiver Bewerber wahrgenommen zu werden, gilt ebenfalls für alle:
Den eigenen Standort bestimmen, gemachte Erfahrungen und erworbene Kenntnisse selbstbewusst und realistisch darstellen, die Anforderungen von suchenden Unternehmen analysieren und mit der eigenen Kompetenz für den Job abgleichen, eine ansprechende und aussagefähige Form der Darstellung in den Bewerbungsunterlagen entwickeln. Das ist keine spezielle Anforderung für ältere Bewerber, das sollten alle leisten. Wer schon ein paar Jahre Berufsleben auf dem Buckel hat, hat immerhin den Vorteil, dass er etwas zu erzählen hat. Gerade im Vertrieb lassen sich da Ergebnisse und Erfolge der eigenen Tätigkeit ausgezeichnet darstellen.

Viele Unternehmen sehen das in der Zwischenzeit ebenso. Sie erkennen, dass sie gar keine andere Chance haben als so ihren Bedarf an qualifizierten Mitarbeitern zu decken. Sie erkennen auch, dass für manche Kunden die Seniorität des Mitarbeiters ein Vorteil ist. Dann gibt es zwar immer noch keinen Automatismus, dass „Alter vor Schönheit“ geht, aber Schönheit wird dem Alter auch nicht mehr zwingend vorgezogen.

Unwidersprochen bleibt natürlich die Tatsache, dass manche Arbeitgeber ihre Vorurteile pflegen und bestimmte Bewerbergruppen scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Dazu gehören dann leider auch „Ältere“. Aber wie sagte so schön Curt Goetz (Schriftsteller und Schauspieler, bekannt für seine spitze Zunge) „Wer in einem gewissen Alter nicht merkt, dass er hauptsächlich von Idioten umgeben ist, merkt es aus gewissen Gründen nicht!“ Was dann wiederum sowohl für die Jungen, die Alten und auch alle dazwischen gilt, die auf dem Arbeitsmarkt mit Vorurteilen zu kämpfen haben.

Viele Grüße

Ihre
Sabine Kanzler

17.04.2012

2016-10-24T13:14:37+00:00 24. Oktober 2016|Sabine Kanzler - Karrierecoach|