Sabine Kanzler - Karrierecoach

Brunhilde

Sie wissen es schon, trotzdem sage ich es noch einmal: Wenn Sie der Dame Ihres Herzens, dem Mann Ihrer Träume einen Ring, Blumen oder sonst etwas hoch Symbolisches überreichen, ja, selbst wenn Sie der Assistentin Ihres Kunden ein Stück ihrer Lieblingspralinen (hübsch verpackt natürlich!) mitbringen oder dem Herrn aus dem Einkauf das neueste Gimmick aus dem Werbesortiment Ihres Unternehmens – freundlich schauen und lächeln allein wird nicht reichen. Früher oder später müssen Sie den Mund aufmachen und etwas sagen. „Wie war Ihr Wochenende?“ beispielsweise. Oder „Ist das nicht ein fürchterliches Wetter?!“ Und damit sind wir bei einem anderen Aspekt des „Symbolischen Interaktionismus“, des Themas, das dieser Newsletter behandelt: Worüber rede ich im Job? Worüber rede ich auf gar keinen Fall? Was denken wohl die anderen, wenn ich es trotzdem tue? Privates? Probleme mit den Kindern? Geht grade noch! Gravierende Probleme mit dem Partner? Geht eigentlich gar nicht! Und wenn man doch darüber redet, dann wie viel davon? Politik? Never ever! Auch nicht den Wahlausgang am Sonntag? Noch nicht mal das Thema „Wahlbeteiligung“?  Denn stellen Sie sich vor, Sie erzählen begeistert, wie sehr Sie die angestiegene Wahlbeteiligung freut und treffen auf einen überzeugten und streitbaren Wahlverweigerer! Was bleibt dann überhaupt noch übrig für ein paar Worte ohne Bezug zur Arbeit?

Kollegen sind keine Kunden. Kunden erwarten anderes. Aber was? Einen fachlich kompetenten Verkäufer, ganz gleich, ob es um einen Burger, ein Auto oder Versicherungen geht! Aber kann man immer mit der Tür ins Haus fallen? Verkaufen findet häufig im Gespräch statt und der Kunde will sich wohl fühlen dabei, verstanden werden, persönlich angesprochen sein, vielleicht sogar noch etwas Spaß haben.

Das Wetter würde sich für Smalltalk eignen, heißt es. Das Wetter? Zugegeben, auch in mitteleuropäischen Gefilden ist wettermäßig in den letzten Jahren etwas los. Der lange und nasse Frühling in diesem Jahr beispielsweise. Aber wer hat nach einem verregneten Mai noch Lust, sich darüber zu unterhalten? Und die Hitze im Juli und August? Es ist heiß, man schläft schlecht, weil es nachts nicht abkühlt und nach der Arbeit geht man in den Biergarten. Oder in die Straußenwirtschaft, je nach Wohnort. Und schon ist man durch damit.

Nicht nur durch die Art und Weise, wie wir kommunizieren, auch dadurch, was wir kommunizieren, werden wir für den anderen sichtbar. Einschätzbar. Sympathisch. Unsympathisch. Klug. Eher schlichten Gemütes. Unverschämt. Berechnend. Langweilig. Interessant. Ein geschätzter Gesprächspartner – jenseits aller beruflichen Beziehungen. Was das Gegenüber wirklich interessiert, wo Begegnung stattfinden könnte, ist leider ebenso verschieden wie Menschen nun einmal sind. Die kurze Bemerkung, man habe an verregneten Urlaubstagen drei Gemäldeausstellungen besucht, macht einen beim Einen zum angebenden Schlauschwätzer, beim Nächsten zu jemandem, der endlich mal nicht langweilt mit dem üblichen Urlaubs-Blabla.

Wir sind nicht, was wir sind – jedenfalls nicht ausschließlich. Wir sind auch das, was wir ausstrahlen – in Worten und Werken – und was davon in unserer Umgebung, den Menschen wahrgenommen wird. Die, denen wir begegnen und denen wir begegnen müssen, sind so unterschiedlich wie es nur sein kann.

Die Lösung? Mancher Tierbesitzer (Hund oder Katze) empfiehl etwas ironisch: „Schaff Dir einen Hund an und Du hast immer ein Thema. Du kannst stundenlang davon erzählen, hast immer eine witzige oder dramatische Geschichte zur Hand. Bei all dem musst Du nicht Dinge aus Deinem Privatleben ausplaudern und alle Menschen um Dich herum bleiben im Hintergrund und nicht erkennbar.  Das Beste: Du wirkst absolut authentisch!“ Und, so ergänze ich, relativ risikoarm ist es auch.

Leider, leider habe ich keinen Hund. Auch keine Katze. Seit einiger Zeit wohnt aber vor meiner Terrassentür eine wunderhübsche Kreuzspinne. Ich habe sie „Brunhilde“ getauft und nachdem ich gehört habe, dass man sie auf den Namen dressieren kann, füttere ich sie regelmäßig mit Leckerli und baue so eine innige Beziehung zu ihr auf. Meinen Sie, das würde als Smalltalk Thema soziale Akzeptanz finden?

Außer mir lässt Brunhilde herzlich grüßen!
Sabine Kanzler

Bild: uschi dreiucker  / pixelio.de

2017-03-24T14:10:46+00:00 24. Oktober 2016|Sabine Kanzler - Karrierecoach|