Sabine Kanzler - Karrierecoach

Die Morgenstunde, das Gold und der Wurm

So, so! Nur der frühe Vogel fängt also den Wurm und das in der Morgenstunde, weil die ja bekanntlich das Gold im Munde hat. Die Krone überm lädierten Zahn wird mit diesem Gold ja nicht gemeint sein. Wenn das mal keine motivierenden Aussagen für den Vertriebsmitarbeiter sind!!

Der Mitarbeiter aus dem Einkauf, der Inhaber eines kleineren Unternehmens, der ganz normale Mensch, der hin und wieder einkaufen geht, fühlt sich unangenehm berührt bei solchen Bildern. Ja, ist er denn ein Wurm? Der gefangen werden soll? Und nicht nur das, denn man sieht beim Blick aus dem Fenster, was mit dem Armen passiert, wenn eine Amsel ihn erspäht: Er wird mit roher Gewalt und gegen seinen erklärten Willen aus der Erde gezogen und (jawoll!!) gefressen! Schöne Aussichten, fürwahr!

Noch dazu: Der Vertriebsmitarbeiter geht ja nicht „zu Unternehmen“, sondern zu Menschen in Unternehmen – da soll es welche geben, bei denen es frühmorgens noch gar keine Würmer zu fangen gibt. Die der Ansicht sind, dass Vögel am frühen Morgen nur dann willkommen sind, wenn sie eine schön frisch aufgebrühte Tasse Kaffee mitbringen. Eine logistische Herausforderung für alle CRM-System-Hersteller!

Aber kommen wir zu den Vögeln an sich. Der Uhu (beispielsweise) ist ein Nachtjäger. Würmer fängt er auch keine, eher Kleinnager. Der Spatz ist zwar überall zu finden und macht auch gewaltig Lärm, aber als Körnerfresser tut er sich mit Würmern wohl eher schwer, nicht? Was also, wenn Sie als Unternehmen die falschen Vögel eingestellt haben? Amseln hätten sie nehmen sollen, keine Adler, keine Meisen und auch keine Rotkehlchen, dann hätten auch die gesetzten Umsatzziele eine realistische Chance, erfüllt zu werden. Aber so differenziert argumentiert die Lebensweisheit vom Vogel in der Morgenstunde und seinen Würmern ja leider nicht.

Betrachten wir abschließend noch den Wurm an sich:

Es gibt ca. 3000 Regenwurmarten auf der Erde, etwa 39 davon kommen in Deutschland vor. Es gibt Regenwürmer, Bandwürmer, Fadenwürmer; die einen sind nützlich, die anderen parasitär. Und dann gibt es noch Wattwürmer. Das Unternehmen, das die in seinen Zielvorgaben zum Fang vorgibt, braucht zeitlich extrem flexible Vögel in seiner Vertriebsmannschaft. Denn die Gezeiten ändern sich täglich und Flut zur frühen Stunde lässt auch den fleißigsten Frühaufstehervogel ganz schön alt aussehen. Arbeitgeber sollten ihren Wattwurmfängervogel also gut füttern, damit er seine Flexibilität bewahrt und die Lust am Fangen nicht verliert.

Ein Bild sagt mehr als jedes Wort. Aber es generiert noch keinen Käufer. Ehrgeizige Umsatzziele erreicht man, wenn die Wirtschaft boomt, wenn man ein attraktives Produkt zu einem angemessenen Preis hat und außerdem den dazu passenden Vertriebsmitarbeiter. Wenn man also, um die Metapher vom frühen Vogel, der den Wurm fängt, zu strapazieren, den richtigen Vogel im Käfig hat. Der Käfig – das Unternehmensumfeld sollte dann natürlich auch passen. In einem engen Käfig wird auch ein Adler auf die Dauer das Fliegen verlernen.

Passende Bilder zu finden, ist nicht immer ganz leicht. Allgemeinplätze helfen nicht bei der Analyse von Umsatzrückgängen und motivieren in der Regel auch nicht besonders; Beschimpfungen bringen keinen dazu, für seinen Job zu brennen.

Es bleibt also schwierig. Schwierig für den Vertriebler herauszufinden, ob er eher Amsel oder Adler ist, schwierig für das Unternehmen genau zu definieren, welche Art von Vogel es braucht. Welch ein Glück, dass wir uns hier auf der Website eines Unternehmens befinden, das die Suche des passenden Vogels zu seinem Kerngeschäft erklärt hat!

Übrigens gibt es noch die Würmer, die den Computer infizieren. Die will nun wirklich niemand fangen, auch Herr Würth nicht!

Machen Sie es gut und lassen Sie es sich schmecken – was immer Sie erwischen!

Ihre
Sabine Kanzler
Bild: Ting Chen | flickr.com | CC BY 2.0 | Ausschnitt

12.10.2012

2017-01-10T15:38:22+00:00 24. Oktober 2016|Sabine Kanzler - Karrierecoach|