Sabine Kanzler - Karrierecoach

Hänschen und Gretchen allein im Wald

Hänschen und Gretchen kennt jeder! Die Eltern haben die beiden in die große, weite Welt hinaus geschickt, damit sie auf eigenen Füßen stehen sollten. Es soll sich dabei um zwei Kinder gehandelt haben. Aber weiß man so genau, wie alt sie waren? „Kinder“ bleiben schließlich Kinder, ein ganzes Leben lang, auch wenn sie die Schule hinter sich haben, schon fast erwachsen sind – und sich ganz schrecklich erwachsen fühlen.

Die Eltern waren einfache Leute (der Vater soll Waldarbeiter gewesen sein), die Kinder sollten es einmal besser haben und ja, vielleicht wurden die beiden etwas verwöhnt. Aber spätestens, als die letzten Schuljahre näher kamen, ist Hänschen aufgewachsen mit der ständigen Ermahnung seiner Eltern: „Was Hänschen nicht lernt, das lernt Hans nimmermehr! Als wir so alt waren wie Du …!“ Bei Gretchen war sowieso Hopfen und Malz verloren. Die „faule Grete“* wurde sie überall genannt. Nichts als angesagte Klamotten und das eigene Äußere im Kopfe!

Ach, es war zum Verzweifeln mit den beiden! Zwei Jugendliche, nicht besonders ehrgeizig, nicht besonders fleißig, nicht besonders den Tugenden ihrer Eltern zugeneigt! Spaß wollten sie haben, in den Tag hinein leben, mit Freunden abhängen. Der Ernst des Lebens? Erwachsenensprüche! „Du wirst noch an mich denken, später, im Beruf! Da wirst Du bedauern, dass Du jetzt nicht mehr gelernt hast!“ – wer mochte so etwas schon den lieben langen Tag hören?

Hänschen und Gretchen waren also fertig mit der Schule, mehr schlecht als recht, aber doch immerhin mit einem Abschluss! Und die Eltern: ratlos und auch hilflos! Schließlich wuchs das Geld nicht auf den Bäumen, es wurde alles teurer und in der Haushaltskasse herrschte chronische Ebbe. In ihrer Not beschlossen, nun sei Schluss mit der Gammelei, jetzt beginne der Ernst des Lebens, jetzt sollten die beiden sich um eine Ausbildungsstelle kümmern. Am besten selbst, denn alles, was sie als Eltern dazu sagten, war sowieso spießig und merkbefreit. Und so beschlossen die Eltern, sie in den Wald hineinzuführen und dort zurückzulassen. Gott sollte ihnen weiterhelfen.

Hänschen hörte natürlich all diese Überlegungen. Er hatte erinnerte sich, mal etwas im Fernsehn gesehen zu haben: Irgendeiner knallte da Karten auf den Tisch mit Bildern von seinem Haus, seinem Auto und seinem Schiff. Das wollte er auch mal haben. Vielleicht nicht das Schiff. Aber auf alle Fälle ein Auto! Und ein Haus wäre schon auch cool. Denn ewig bei den Eltern zu wohnen und sich deren Genörgel anzuhören, das war wirklich nicht sein Lebenstraum.

Also, so beschließt er, müsse er wohl einen Beruf lernen. Er will „was mit Medien“ machen! Das verkündet er, wenn er nach seinen Zukunftswünschen gefragt wird. Und Gretchen? Die weiß noch nicht so genau – etwas Cooles auf alle Fälle, vielleicht irgendwas mit Marketing? Oder vielleicht Eventmanagement?

So kommt es, wie es kommen muss. Sie werden in die Welt hinein geschickt und landen in einem finsteren Wald! Jeder weiß, wie die Geschichte weiter geht: Am Ende des Weges steht das Hexenhaus.

Was zu gut erscheint, um wahr zu sein, ist in aller Regel auch nicht wahr. Dass etwas nicht stimmen kann, das hätten sich Hänschen und Gretchen wohl denken können … Kein gut bezahlter Job liegt schließlich einfach so auf der Straße. Kein cooler Arbeitgeber wartet auf einen Azubi, der mal grade seinen Abschluss geschafft hat, auf Facebook präsent ist und bei Computerspielen fast Profi ist. Und dass es für Jobs im Eventmanagement mehr als gutes Aussehen und ein modisches Make-up brauchen würde, sondern handfeste Kenntnisse, das hat Gretchen nie so richtig glauben wollen.

Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Dass Häuser nicht aus Leckereien gebaut sind, dass es nichts umsonst gibt im Arbeitsleben, dass also das Angebot dieser Frau, die in dem seltsamen Haus wohnt, einen Haken haben würde, das war eigentlich klar. „Ei, liebe Kinder, kommt nur in mein Häuschen und bleibt bei mir“, hörten sie sie sagen und da vergaßen die beiden ihr Misstrauen und gingen mit ins Haus, wo sie gutes Essen und weiche Betten fanden.

Am Ende wird Hänschen in den Stall gesperrt, um dort bis zu seiner Verspeisung gemästet zu werden, Gretchen arbeitet im Haushalt und muss sich dort um alles kümmern, auch um das Essen für Hänschen. Solch ein „Event“ zu planen und zu managen, hatte sie sich eigentlich nicht vorgestellt.

Glück im Unglück! Die beiden finden einen Ausweg, dem Ganzen zu entkommen. Zugegeben, ihre Methoden der Kündigung sind unorthodox und auch ziemlich heftig, aber schließlich war die Hexe auch nicht zimperlich gewesen, als sie sie ins Unternehmen geholt hatte. Breiten wir deshalb den Mantel des Schweigens darüber!

Wie wird es weiter gehen? Was wünschen wir Hänschen und Gretchen für die Zukunft? Denn wie bei allen Märchen endet ihre Geschichte mit der glücklichen Heimkehr, beladen mit Gold und Edelsteinen, die sie im Häuschen der Hexe gefunden haben wollen. Aber was zu gut klingt, um wahr zu sein …

Wir wünschen den beiden keine Existenzängste, wirklich nicht! Nicht die Erfahrung, ausgenutzt zu werden, rechtlos zu sein und herumgeschubst zu werden, alles machen zu müssen, nur um am Monatsende grade mal die Miete bezahlen zu können. Wir wünschen ihnen erst einmal einen vernünftigen Ausbildungsplatz! Dann einen optimistisch-realistischen Blick auf die Zukunft, auf ihr Leben. Ein Bewusstsein für die eigene Leistungsfähigkeit. Den Spaß daran, sich anzustrengen, Neues zu lernen und dabei an Grenzen zu stoßen. Von Zeit zu Zeit zu stolpern und vielleicht auch hinzufallen. Die Kraft, wieder aufzustehen und weiter zu machen. Und zuletzt den Triumph, das alles geschafft zu haben. Dann können sie wirklich glücklich bis ans Ende ihrer Tage leben.

Ihre
Sabine Kanzler

*Die faule Grete:

Haushaltsgeräte
Schnell zur Hand: Steh Kehrgarnitur „Faule Grete“ erspart lästiges Bücken beim Kehren

Abzählreim
Müllers dicke faule Grete
saß auf einem Baum und nähte
Plumps – fiel sie herab
Du bist ab

Militärwesen
Die Faule Grete von Marienburg war ein mittelalterliches Riesengeschütz des Deutschen Ordens. Faul nannte man die Riesengeschütze, da sie nicht so mobil waren und meist „faul“ herumlagen.

Bild: andreiuc88 | shutterstock.com

12.10.2012

2017-01-10T15:38:23+00:00 24. Oktober 2016|Sabine Kanzler - Karrierecoach|