Propheten im eigenen Hause und ein Bremer Stadtmusikant

12.02.2008

Nichts geht! Man arbeitet, engagiert sich, schaut nicht auf die Uhr. Man hat Ideen, die bei Vorgesetzten durchaus Begeisterungsstürme auslösen, vor allem dann, wenn man bei ihrer Umsetzung richtig Geld fürs Unternehmen verdienen kann: Einsparungen realisieren, den Kundendienst optimieren - alles feine und hochgeschätzte Ergebnisse.

Trotzdem: Das Gehalt stagniert seit längerer Zeit auf einem Level, der im Vergleich zu anderen nie besonders hoch war, der Umgangston wird rüde, sobald es im Gespräch mit dem Chef um die eigenen Belange geht, Lob und Anerkennung scheinen Fremdworte zu sein. Die Trauben (eine interessante Fortbildung, ein Gespräch zur mittelfristigen Entwicklung im Unternehmen, ein neuer interner Job, der einen Aufstieg bedeuten würde, mehr Geld...) hängen immer ein bisschen zu hoch, um endlich mal dranzukommen. Und im Gespräch mit dem Vorgesetzten macht sich immer stärker das Gefühl breit, dass das auch so bleiben wird.

Berufliche Entwicklung stagniert manchmal, obwohl objektiv alle Bedingungen für eine Karriere gegeben sind. Ausbildung, Engagement, Ergebnisse, adäquate Entwicklungsmöglichkeiten beim Arbeitgeber sind ebenfalls vorhanden. Warum passiert so etwas trotzdem? Ist es vergleichbar mit dem Phänomen, dass der Lehrling oft auch dann noch "unser Lehrling" bleibt, selbst wenn er schon längst seine Prüfung bestanden hat? Einfach deshalb, weil man ihn schon so lange kennt und sich noch so gut daran erinnern kann, wie jung und unerfahren er damals war?

Oder liegt es daran, dass es zu den Zielvereinbarungen von Vorgesetzten selten gehört, die Weiterentwicklung und die Karriere begabter Mitarbeiter in ihrem Zuständigkeitsbereich zu fördern? Und freiwillig tun das ja nicht alle, denn dann sind sie ja weg, die begabten Mitarbeiter, und können ihre Fähigkeiten nicht mehr zum Nutzen des eigenen Bereiches anwenden. Bis dann ein Neuer so weit ist...! Wer produziert schon gerne sehenden Auges Ergebniseinbrüche?

Dann bietet auch noch die Bibel ein Erklärungsmuster (Mathäus 13, Vers 57): "Jesus aber sprach zu ihnen: Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterland und in seinem Hause." Von dieser Weisheit leben Consultants, die manchmal nach längerer Analyse und für viel Geld verkünden, was vorher eigentlich jeder schon wusste oder mindestens geahnt hat. Nach einem ähnlichen Muster könnte der externe Bewerber viel interessanter und kompetenter erscheinen als der Mitarbeiter im eigenen Haus, den man schon kennt samt seiner Schwächen und Fehleinschätzungen - die bei dem Neuen alle erst in der Zukunft sichtbar werden.

Was tun als Mitarbeiter, wenn man in dieser Situation ist? Je loyaler man seinem Arbeitgeber und der übernommenen Aufgabe gegenüber (eigentlich!) sein möchte, umso schwieriger wird der Arbeitsalltag. Es ist nicht leicht, den Ärger, die Ratlosigkeit und das Gefühl, falsch beurteilt zu werden, auf Dauer unter Kontrolle zu halten. Und Drohungen nach dem Motto: "Wenn ich nicht ... dann kündige ich!" sind riskant. Man könnte Ihnen antworten, dass man Reisende nicht aufhalten wolle. Und dann haben Sie ein Problem!

Da bleibt nur, den Arbeitsmarkt zu erkunden und die eigenen Chancen in einem anderen Unternehmen auszuloten - und dann zu entscheiden, ob man gehen soll. Denn wie sagt doch der Esel in den "Bremer Stadtmusikanten" zu Hund, Katze und Hahn? "Zieh lieber mit uns fort, etwas Besseres als den Tod findest du überall; du hast eine gute Stimme, und wenn wir musizieren, so muss es eine Art haben!" Wenn Sie sich für den Wechsel entschieden haben und Ihrem Chef die Kündigung mitteilen, dann erleben Sie vielleicht die Genugtuung, dass der Sie völlig sprachlos anschaut und, wenn er die Worte wieder gefunden hat, fragt: "Kann ich Sie vielleicht dazu bewegen, sich Ihre Entscheidung noch einmal zu überdenken, wenn ich Ihnen die Stelle des Leiters xxx anbiete?" Vor einem Vierteljahr hätten Sie begeistert reagiert auf dieses Angebot (und vielleicht dem Himmel auf Knien dafür gedankt). Heute schütteln Sie nur den Kopf und freuen sich auf Ihren neuen Job.

Ihre
Sabine Kanzler

 

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