Wenn es menschelt im Betrieb ...

14.08.2007

Man kennt sich seit Jahren. Genauer gesagt: man kennt sich seit Kindertagen, hat zusammen gespielt, sich gestritten, manchmal sogar schon die Sandförmchen geteilt oder auch gegenseitig geklaut, in der Schule gemeinsam die Lehrer geärgert und auch mal voneinander abgeschrieben. Irgendwann, Jahre später, trifft man sich im gleichen Unternehmen. Und gerade der Kumpel, den Sie nun wirklich für den doofsten Ihrer Kindergartenfreunde gehalten haben, der ist jetzt Ihr neuer Vorgesetzter.

Ein anderer Fall: Sie haben gemeinsam im Unternehmen begonnen, haben jahrelang Schreibtisch an Schreibtisch gesessen oder benachbarte Vertriebsgebiete bearbeitet. Der Kollege war sogar mal einige Wochen krank und Sie haben ihn vertreten, sogar durchweg bessere Umsätze geschrieben. Er bekommt die Position als Vertriebsleiter, Sie bleiben auf der Straße und direkt beim Kunden.

Überall in Unternehmen begegnen sich Menschen, die sich nicht nur aus beruflichen Zusammenhängen kennen, sondern auch privat. Manchmal auch zu privat!

Sie denken, solche Geschichten sind (zu) weit hergeholt? Mitnichten. Sie sind Realität in allen Firmen, die in der Region Hauptarbeitgeber sind. Dazu muss das Unternehmen noch nicht mal besonders groß sein, ein kleiner Mittelständler in ländlicher Region bietet das perfekte Umfeld für so ein Szenario. Man kennt so etwas aus Gegenden mit einem attraktiven Arbeitgeber - man "schafft" z.B. "beim Daimler", und das schon über Generationen. Da haben wir dann gleich noch die Geschichten von den Eltern oder Großeltern im Gepäck, negativ wie positiv.

Solche Situationen sind für keinen der Beteiligten wirklich angenehm. Den einen plagt vielleicht ein Leben lang ein mehr oder weniger deutliches Gefühl von Neid. Die Vermutung nagt am Selbstwertgefühl, ungerecht behandelt worden zu sein aufgrund persönlicher Streitigkeiten aus der Vergangenheit. Oder anders herum: "Der kennt mich doch schon so lange, der muss doch wissen, dass ich die Beförderung verdient hätte und den Job ausfüllen könnte!", grübelt man und mag den Gedanken gar nicht an sich heran lassen, dass eben weil diese gute Kenntnis vorhanden ist, die Entscheidung für einen externen Bewerber fällt. Es ist menschlich, wenn man dem anderen die Karriere, die finanziellen Vorteile der neuen Position nicht so richtig gönnt. Wenn er dann noch nebenan das Haus der Eltern geerbt hat und bewohnt, dann wird jeden Tag schon beim ersten Blick aus dem Fenster die Besserstellung deutlich. "Mein Haus, mein Auto, meine Yacht ..." die Sparkassenwerbung jeden Tag aktuell zum Frühstück!

Auch für denjenigen, der weiter gekommen ist, ist das Leben mit der neuen Position und den alten Beziehungen nicht immer ein Zuckerschlecken. Alle kleinen und größeren Sünden des bisherigen Lebens schweben immer über einem, bereit, im garantiert unpassendsten Augenblick ans Licht der Öffentlichkeit zu kommen. Wer wann mit wem und ob die Ehe unter diesen Umständen noch, wo doch die Kinder in der Schule ...solche Geschichten bekommt auch ein Zugezogener beim Bierchen nach Feierabend gerne erzählt. Da muss man noch nicht mal nachfragen!

Dass so ein Beziehungsgeflecht in Unternehmen hineinwirkt und oft der viel zitierte Sand im Getriebe ist, liegt auf der Hand. Um das zu vermeiden müssten alle Beteiligten ein hohes Maß an Gelassenheit, Souveränität, realistischer Selbsteinschätzung und noch tausend andere Eigenschaften mitbringen. Aber Menschen sind nun mal, wie sie sind: unvollkommen! Und wen wundert es unter diesen Umständen, dass Unternehmen gezielt nach frischem Blut von außen suchen? Wir wissen doch, was früher mit alten Adelsgeschlechtern passiert ist, die diese Strategie nicht verfolgt haben, oder? Sie degenerierten...!

Ihre Sabine Kanzler

 

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