Was man aus einem Anschreiben alles herauslesen könnte ... und was auch herausgelesen wird! [Teil 2]

06.02.2009

Was wünschen sich Personalberater, Mitarbeiter im Personalwesen oder zukünftige Chefs, wenn sie eine Bewerbung erhalten? Vor allem: Was wünschen Sie sich, wenn nicht nur zehn Bewerber Ihnen schreiben, von denen sie erfahrungsgemäß die Hälfte aussortieren können, weil sie die "harten Fakten" - Qualifikation, Kenntnisse und Erfahrung, Sprachen etc. - nicht mitbringen, ohne die es im Job nicht gehen wird? Was tun, wenn sie auch nur 20 fachlich ziemlich gleichwertige Bewerbungen vor sich liegen haben? Knobeln? Nach Sternzeichen aussuchen? Alle einladen? Doch wohl eher nicht! Vielleicht das Anschreiben auf seine Aussagekraft hin überprüfen? Alles, was man dort findet, interpretieren? Und auch das, was man nicht findet ...? Keine schlechte Idee!

Lebensläufe geben die Fakten wieder, die ein Berufsleben bisher bestimmt haben. Aber ihnen fehlt das argumentative Element. Das könnte theoretisch im Anschreiben enthalten sein ... wenn der Bewerber diese Möglichkeit nutzt und der Empfänger dem Anschreiben mehr als die paar Sekunden widmet, die zum Überfliegen nötig sind! Und über die entsprechende Phantasie verfügt, die unterschiedlichen Erscheinungsformen eines Anschreibens zu bewerten. Also nutzen wir doch diesen Text als diagnostisches Instrument, um etwas über den Menschen hinter dem Lebenslauf zu erfahren!

Stellen wir uns einmal vor, da liest jemand das Anschreiben eines jungen Menschen, der sich nach Realschulabschluss und bestandener Lehre um seinen ersten richtigen Job in einem kaufmännischen Beruf bewirbt und das eines gestandenen Managers. In beiden Schreiben findet der Leser Begriffe wie "... habe ich wertvolle Erfahrungen gesammelt ..." oder "... möchte ich meine umfassenden Kenntnisse in Ihrem Unternehmen unter Beweis stellen". Natürlich verfügt der Bewerber auch "über eine schnelle Auffassungsgabe"! Und meint abschließend "Mit mir erhalten sie einen flexiblen, aufgeschlossenen, engagierten, kommunikationsstarken, teamorientierten, stark motivierten, lern- und einsatzbereiten Mitarbeiter. Mein Arbeitsstil ist analytisch und systematisch."

Abgesehen davon, dass alle Beispielsätze im Grunde nichts aussagen (bekennen Sie im ersten Kontakt, dass es mit Ihrer Auffassungsgabe nicht so weit her ist, obwohl doch jeder - seien wir mal ehrlich - von Zeit zu Zeit auf der Leitung steht?!), so schießen dem Leser doch ganz unterschiedliche Gedanken durch den Kopf, je nachdem, welcher unserer beiden Bewerber von oben das geschrieben hat. Wer darf solche Formulierungen gerade noch nutzen? Und wer auf keinen Fall?

Worthülsen klingen immer ein bisschen albern, aber unserem jungen Berufsanfänger wird man sie vermutlich - amüsiert? - verzeihen (unter dem nicht wirklich netten Stichwort "Welpenbonus"). "Der will alles richtig machen, hat um Rat gefragt und den Hinweis erhalten, man solle selbstbewusst auftreten, weiß es noch nicht besser ... aber auf alle Fälle hat er sich Mühe gegeben!" Bei jemandem, der sich dagegen um die oben genannte Managementposition bewirbt, reicht "Mühe geben" nicht aus! Und die Phantasie könnte zu großer Form auflaufen! "Wo hat er das denn abgeschrieben? Hat der nichts Konkretes über sich zu sagen? Wie genau hat er eigentlich unsere Stellenanzeige gelesen? Ach, kommunikationsstark ist er auch - schreibt er ... merkt man aber nicht bei diesem Anschreiben!" Nachvollziehbar, dass der Leser bei Brot-und-Butter-Jobs andere Maßstäbe anlegt als beim High-Potential-Job eines ehrgeizigen Akademikers.

So betrachtet ist jedes Anschreiben aussagefähig, auch und gerade dann, wenn darin kein konkreter Bezug zur ausgeschriebenen Stelle oder zum Unternehmen zu finden ist. Es sagt aus, dass der Schreiber diesen Bezug nicht herstellen konnte oder keine Lust hatte, die notwendige Mühe aufzubringen. Im Klartext lautet das Urteil "unfähig" oder "zu bequem, vielleicht sogar faul". Alles nicht sehr schmeichelhaft, richtig ...!

Und wenn sich jemand einem Profi nimmt, quasi "fremddichten" lässt? Nun, auch das hat Aussagekraft. Denn dann hat der Bewerber wenigstens erkannt, dass ein Anschreiben wichtig sein kann und hat Zeit und Geld darauf verwandt, dass etwas Vernünftiges aufs Papier kommt. Das spricht immerhin für seine analytischen Fähigkeiten ("Was erwartet mein Gegenüber? Welche Ressourcen kann ich dafür nutzen?"). Wenn aber das Schreiben schlecht ist, dann enthält es immer noch Aussagekraft: Der Schreiber hat die Kompetenz des Helfers falsch bewertet und daraus lässt sich schließen, dass er keine oder wenige Kriterien hat, wie man relevante Entscheidungen trifft.

Bevor Sie mich jetzt in Grund und Boden verdammen für das, was ich da geschrieben habe ... glauben Sie mir, es wird interpretiert und diese und ähnliche Gedanken gehen dem Leser Ihres Anschreibens wirklich durch den Kopf! Natürlich auch positive, wenn Sie einen gelungenen Text präsentieren ...

Ihre
Sabine Kanzler

Zum Blogbeitrag Was ein Anschreiben alles können könnte... [Teil 1]

 

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