Berufsanfängerin sucht erste Anstellung - eine Bewerbungstelenovela [Folge 2]

15.08.2006

Der Lebenslauf ist postwendend in meiner Mailbox. Rein formal ist er ja in Ordnung, graphisch gut aufbereitet. Wenn ich ihn aber so anschaue, dann sehe ich keine individuellen Akzente, keine Hinweise auf Stärken und besondere Kenntnisse, die durch berufliche Erfahrungen oder anderes Engagement zu belegen sind. Er zählt nur auf, ohne irgendwelche Inhalte, erworbene Kenntnisse, gemachte Erfahrungen konkret und nachvollziehbar zu benennen. Die Person hinter diesen Daten bleibt blass.

Wen haben wir im konkret beschriebenen Fall also vor uns? Eine junge Frau, die mit Ende 20 und fast abgeschlossener Promotion jünger als der Durchschnitt der Absolventen ist. Außerdem sehen wir ein ordentliches, aber nicht herausragendes Examen, die üblichen Wahlstationen während des Referendariats, eine Arbeitsstelle im Kaufmännischen mit dem Schwerpunkt Kundenbetreuung zur Überbrückung der Wartezeit bis zum Referendariat, ein Auslandssemester am Anfang des Studiums, ein Abiturzeugnis mit Noten im oberen Durchschnitt, Engagement in der Schülervertretung. Alles in Ordnung, aber doch eher eine Juristin wie Hunderte andere auch, ein Mauerblümchen...! Die Aufgabe: diese Person für einen zukünftigen Arbeitgeber so attraktiv darzustellen, dass er sie zu einem Vorstellungsgespräch einlädt, ohne den Lebenslauf zu tunen, allein mit der Wahrheit! „Ich glaube, fürs Vorstellungsgespräch brauche ich keine Unterstützung!“ sagt sie. „Wenn ich erst mal den Kontakt habe, dann bin ich gut!“

Wir einigen uns nach längerer Diskussion auf einen klassischen Lebenslauf auf der ersten Seite und ein anschließendes Profil „Kenntnisse und Erfahrungen“ als zweite Seite, das größere Gestaltungsmöglichkeiten eröffnet. Mit der Aufgabe in einer ausführlichen Aufstellung zu benennen, was sie bisher alles gemacht hat, welche Kenntnisse und Fähigkeiten sie dabei erworben hat, entlasse ich sie.

Das mitgeschickte Anschreiben ist sprachlich durchaus in Ordnung, nur ähnelt es manchmal einem juristischen Schriftsatz. Es ist eher konventionell und ein bisschen „brav“. So ist sie doch nicht! Während des Telefongespräches spricht sie druckreifes Deutsch, ist lebhaft, erfasst sehr schnell, worum es mir geht, strukturiert das für sich mit Witz und einer Portion Selbstironie... Warum schreibt sie nicht so?

Ein paar Tage später ist die Aufstellung da. Jetzt wird inhaltlich deutlich, dass ihre juristischen Erfahrungen durch die unterschiedlichen Sichtweisen (Behörde, Unternehmen, Kanzlei) ihrer Referendariatsstationen geprägt sind, dass sie ihre Stationen in dieser Kombination gesucht hat, um möglichst viele Seiten kennen zu lernen. Die Kundenbetreuung hat sie gelehrt, mit Beschwerden und aggressiven Ausbrüchen von Kunden in unterschiedlichen Sprachen gelassen umzugehen und Lösungen zu finden. Sie hat Übung darin entwickelt, den chaotischen Arbeitsplatz in einem kleinen Unternehmen zu strukturieren, Aushilfen in das System einzuarbeiten und ihre Leistung auch firmenintern erfolgreich zu vertreten. Sie weiß (und kann das auch darstellen!), dass sie vor hundert Menschen ein Thema präsentieren kann, ohne flatternde Stimme und feuchte Hände. Die Fakten in dieser Auflistung kommen ins Kompetenzprofil, die Geschichten drumherum heben wir uns auf für die unterschiedlichen Anschreiben. Und ganz langsam wird aus einer austauschbaren Juristin ein Individuum, das kennen zu lernen Spaß machen wird. Wir hoffen jedenfalls, dass die Empfänger ihrer Bewerbung das ähnlich sehen werden!

Fortsetzung folgt ...

Ihr Sabine Kanzler

 

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