Berufsanfängerin sucht erste Anstellung - eine Bewerbungstelenovela [Folge 3]

29.08.2006

Wie wichtig ist im Rahmen einer Bewerbung das Anschreiben? Wenn man den Suchergebnissen bei Google trauen mag, dann immens! Unter "Bewerbungsschreiben" finden sich etwa 3.960.000 Einträge, unter "Motivationsschreiben" 530.000! Mit diesem Informationshintergrund müsste es doch ein Leichtes sein, etwa eine Seite mit sinnvollem Text zu füllen. Möchte man jedenfalls meinen! Aber so ist es nicht. Das "Sehr geehrte Damen und Herren," fließt noch ganz locker aus der Feder bzw. auf den Bildschirm, aber dann... ein weißer Bildschirm, und kein wirklich guter Satz fällt einem ein. Statt dessen entwickeln sich sprachliche Ungetüme! Oder schlichte Wiederholungen dessen, was eigentlich schon im Lebenslauf steht. Auch nicht so spannend für den Leser!

Aber es gibt auch die Meinung, wichtig sei nur der aussagefähige Lebenslauf, Anschreiben lese sowieso keiner. Danach würde ein Dreizeiler genügen, an den man keinen weiteren Gedanken verschwenden muss.

Was stimmt? Vermutlich beides; Unternehmen und Personaler bewerten das unterschiedlich. Meine Kundin ist da nicht besonders risikofreudig: Da wir nicht wissen, auf wen wir treffen, beschließen wir, dem Anschreiben die angemessene Aufmerksamkeit zu widmen. Im schlimmsten Fall haben wir uns die Arbeit umsonst gemacht. Außerdem hat man als Berufsanfänger nur begrenzte Möglichkeiten, durch interessante und außergewöhnliche Erfahrungen zu glänzen. Also nützen wir die Chancen, die ein guter Begleitbrief bietet.

Was zeichnet ein gelungenes Anschreiben aus? Die gängigen Empfehlungen sind alle irgendwie richtig: kurz (eine Seite lang) soll es sein, aussagekräftig, auf die Anforderungen eingehen, auf "Augenhöhe" argumentieren, die Qualitäten des Bewerbers darstellen, den Nutzen der eigenen Einstellung für das Unternehmen benennen, beschreiben, warum man gerade dort und nirgends anders arbeiten möchte... Für alle, denen jetzt immer noch nichts einfällt, gibt es in Bewerbungsratgebern und auf einschlägigen Seiten im Internet Bausteine, die zusammengefügt das perfekte Anschreiben ergeben sollen. Perfekt, austauschbar, langweilig - weil die meisten Personaler die Floskeln schon hundert Mal gelesen haben.

Zurück zur Ausgangssituation: das Anschreiben unserer jungen Juristin, etwas brav, mit stilistischen Anklängen an einen juristischen Schriftsatz. Beim nächsten Telefonat spreche ich sie darauf an. "Wie soll Dich jemand als Person hinter diesen Sätzen wahrnehmen? Das bist Du doch nicht! Nicht so umständlich, nicht so überförmlich!" Nein, sie soll kein "originelles" Anschreiben verfassen, das passt nicht zu einer juristischen Aufgabenstellung oder in eine große Anwaltskanzlei. Aber wenn sie zu den geforderten Fachkenntnissen konkrete Erfahrungen hat, dann soll sie die beispielhaft benennen, wenn die geforderten kommunikativen Fähigkeiten eine Stärke von ihr sind, dann muss man das in der Art und Weise ihrer Wortwahl und ihrer Argumentation spüren.

"Also, was ist an der Anzeige spannend für Dich? Warum bist Du Deiner Meinung nach dafür geeignet? Erzähl... " Sie erzählt, ich schreibe mit, ganze Sätze, Stichpunkte. Ich frage nach, lasse sie allgemeine Aussagen konkretisieren. So gehen wir mehrere Stellenanzeigen durch. Zu jeder Anzeige schreibe ich anschließend meine Notizen auf und schicke sie ihr. "Mach da mal was draus! Ich bastle dann anschließend noch weiter, wenn es notwendig ist." Bei den neuen Entwürfen kürze ich, streiche Füllwörter heraus, stelle mal einen Absatz um, mache aus einem langen Satz zwei kurze... und schicke den überarbeiteten Entwurf zurück, damit sie ihre endgültige Fassung daraus macht. Und nach kurzer Zeit entwickelt sie ihren eigenen Stil: sich ihrer selbst bewusst, wissend um die Tatsache, dass sie am Anfang ihrer beruflichen Entwicklung steht, wissend auch um ihre Talente und Fähigkeiten, ernsthaft, aber mit der Spur Humor und Selbstironie im Hintergrund, die ahnen lässt, dass da eine ganz patente Person auf ein Vorstellungsgespräch hofft.

Wer es allen recht machen will, wird keinen wirklich überzeugen. Wer Farbe bekennt riskiert, dass der eine oder andere die gewählte Farbe nicht mag. "Meine" Juristin hat sich für Farbe entschieden, und ich bin gespannt, wie es weiter geht!

Fortsetzung folgt...

Ihr Sabine Kanzler

 

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