Ein Zwischenzeugnis - anders als gedacht

07.10.2008

Der "alte" Chef, bei dem Herr Müller wegen eines Zwischenzeugnisses vorgesprochen hatte, schwieg erst. Dann druckste er rum: "Also ich halte das nicht für unbedingt notwendig, da Sie ja in der gleichen Fachabteilung bleiben. Und mal ehrlich, ganz unter uns, Herr Müller, wenn ich Bewerbungsunterlagen bekomme mit mehreren Zwischenzeugnissen, dann frag‘ ich mich immer ob es da Probleme gab ... und das Erstellen macht auch Arbeit ... Aber wenn Sie unbedingt eines wollen, um sich zu bewerben - was ich nicht hoffe - dann stellen wir natürlich schon eins aus."

Herr Müller, erst seit drei Jahren im Beruf und noch bei seinem ersten Arbeitgeber, ist etwas irritiert. So schwer kann das doch gar nicht sein, ihm ein Zeugnis auszustellen, zumal ein Vorgesetztenwechsel wie in diesem Falle doch ein absolut berechtigter Grund für seine Bitte ist. Und der Chef war ja auch immer mit ihm zufrieden und hat seine Lösungsvorschläge gelobt und ihm fachliche Kompetenz bescheinigt. Das sollte sich doch leicht in einem Zwischenzeugnis ausdrücken lassen.

Nach einiger Zeit bekommt er sein Zeugnis ... und ist erstaunt bis irritiert. Von dem, was er so an täglicher Rückmeldung in seiner Arbeit wahrnimmt - oder meint, wahrzunehmen - ist in diesem Zwischenzeugnis nichts vorhanden. Weder gibt es eine detaillierte Beschreibung seiner Aufgaben noch eine angemessene Würdigung seiner Kenntnisse und Fähigkeiten, seines Einsatzes, seiner Ergebnisse. Sicherheitshalber lässt er noch jemanden drüber schauen, der mehr von Zeugnissprache versteht als er, und der bestätigt ihm seinen ersten Eindruck: ein Zeugnis eher im Bereich 2 - 3 und das Ganze ziemlich lieblos und kurz gefasst.

Herr Müller ist entsetzt. Er arbeitet eigentlich gerne im Unternehmen, findet seine Aufgaben interessant und zukunftsweisend und hat auf eine unternehmensinterne Karriereentwicklung gesetzt ... und jetzt das! Auf seine Nachfragen hört er "Sie sind ja noch nicht so lange bei uns, da kann man ja so viel noch nicht schreiben." oder "Das machen wir immer so."

Ein Zwischenzeugnis, das schlechter ausfällt als gedacht, entfaltet eine ganz andere Wirkung als ein Endzeugnis, das nicht den eigenen Erwartungen und Einschätzungen über die geleistete Arbeit entspricht. Da ist man auf dem Absprung, hat innerlich mit dem alten Arbeitgeber schon weitgehend abgeschlossen und kann sich also notfalls sogar auf einen Rechtsstreit einlassen. Nach dem Erhalt des Zwischenzeugnisses muss man am nächsten Tag wieder ins Unternehmen und weiß ab jetzt ziemlich genau, was in der eigenen Personalakte steht und was jeder, der für die interne Karriereförderung zuständig ist, nachlesen kann.

Wie kann es überhaupt zu solch einer Überraschung kommen? Müsste man nicht wissen, wie die eigene Arbeit eingeschätzt wird? Nun ja, "müsste" man schon, aber die Realität ist anders.
Grundsätzlich gibt es verschiedene Erklärungen für solche Vorfälle. Eine ist, dass der ausstellende Vorgesetzte keine Zeit / keine Lust / keine Nerven / keine adäquaten Kenntnisse hat, um so eine Aufgabe qualifiziert zu erledigen. Dagegen spricht, dass gerade bei größeren Unternehmen ein Personalabteilung dafür sorgt, dass die Unternehmensstandards eingehalten werden. Eine weitere Erklärung kann in mehr oder weniger aktuellen Konflikten liegen, die Mitarbeiter und Vorgesetzter miteinander ausfechten. Zwar muss auch in einem Zwischenzeugnis der gesamte Beurteilungszeitraum gewürdigt werden, aber aktuelle Niggelichkeiten können schon mal den objektiven Blick trüben. Oder - und das wäre in der Tat die unangenehmste Erklärung für unseren oben erwähnten Herrn Müller - der Mitarbeiter hat die Rückmeldungen seiner Vorgesetzten unzureichend oder falsch wahrgenommen. Was natürlich die berechtigte Frage aufwirft, ob ein Vorgesetzter nicht klarer, eindeutiger und unmissverständlicher sein muss.

Ein Zwischenzeugnis ist KEINE Gelegenheit, ein ausstehendes Personalgespräch über Zufriedenheit mit dem Mitarbeiter sozusagen durch die Hintertür zu führen. Alle Mitarbeiter (und auch ihre Vorgesetzten) brauchen eindeutige Rückmeldungen über ihre Leistungen, über das, was man im Unternehmen von ihnen erwartet. Junge Leute in ihren ersten Stellen nach Ausbildung und Studium und Ausbildung brauchen das besonders.

Herr Müller hat übrigens die Konsequenzen gezogen und einige Monate später das Unternehmen verlassen. Spätestens bei der ersten Beurteilung durch seinen neuen Chef wird sich herausstellen, ob seine Empörung über seine mittelmäßige Beurteilung berechtigt war oder ob er besser daran tät, sein Kenntnisse und sein Leistungsverhalten einmal selbstkritisch zu überdenken.

Ihre
Sabine Kanzler

 

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