Was man manchmal zwischen den Zeilen liest - aus dem Leben gegriffen!

11.12.2008

Oft war in den letzten Folgen die Rede von Irritationen, die den Leser von Zeugnisse befallen können. Auch davon, dass mehrere Zeugnisse in einer Bewerbung dem Leser durchaus als diagnostisches Instrument dienen. Natürlich geben die gewonnenen Eindrücke keine 100%ige Sicherheit über den Bewerber, aber Sie geben dem künftigen Arbeitgeber Anlass, genauer hinzuschauen und nachzufragen.

Sie hätten gerne Beispiele? Aber bitte!

Ein Student legt seinen Unterlagen ein Praktikumszeugnis bei. In diesem Zeugnis wird ein anspruchsvolles und umfangreiches technisches Projekt beschrieben, an dem er mitgearbeitet hat. Der Zeugnisschreiber überschlägt sich fast vor Begeisterung in der Schilderung der technischen Kenntnisse des jungen Mannes, der Bewertung seiner analytischen Fähigkeiten und seinen Ansätzen der Problemlösung. Seine Nachweise aus Schule (Abiturzeugnis) und von der Universität (Vordiplom und Diplom) sind dagegen durchschnittlich, in einem Kernbereich regelrecht schlecht. Seine Selbstdarstellung im Lebenslauf zeigt sehr viel Selbstbewusstsein. Als ich ihm in der Beratung auf den Kopf zusage, dass ich dieses wunderschöne Praktikumszeugnis für selber geschrieben halte, gibt er mir Recht. Er habe es für eine gute Idee gehalten, ein Gegengewicht zu seinen mittelmäßigen Studienleistungen zu schaffen, und wenn das Unternehmen mitmache ...! Er sei auch zum Bewerbungsgespräch eingeladen worden, dort aber hätten ihm die anwesenden Leute aus der Fachabteilung gewaltig auf den Zahn gefühlt ... und er sei dann eingebrochen. Natürlich!

Eine junge Frau, als Industriekauffrau im Bereich Marketing tätig, möchte die Stelle wechseln und hat keinen Erfolg mit ihren Bewerbungen. Sie kommt nicht mal in ein Vorstellungsgespräch und ist entsprechend frustriert. Ich möge mir doch mal bitte ihre Unterlagen anschauen und kommentieren, sie wisse nicht mehr weiter. In ihrer Selbstdarstellung beschreibt sie sich als Mitarbeiterin, die in verschiedenen internationalen Unternehmen tätig war und dort u.a. selbständig Kampagnen durchgeführt hat. Die Zeugnisse stammen alle aus kleinen deutschen Verkaufsfilialen eines europaweit tätigen Konzerns. Ihre Marketingaktivitäten sind dort beschrieben als "Umsetzung der Vorgaben aus der Zentrale".

Ein Softwareingenieur, fachlich sehr kompetent, hat nach einem ca. 15-monatigen "Ausflug" in eine Vertriebstätigkeit erkannt, dass er damit auf Dauer nicht sonderlich erfolgreich sein wird. Sein Arbeitgeber stimmt dieser Einschätzung zu, man trennt sich im Guten. Da er seinem Mitarbeiter keine Steine in den Weg legen will, schreibt er ihm ein gutes Zeugnis, in dem er unter anderem überschwänglich dessen Vertriebserfolge lobt. Nachdem der Softwareingenieur im dritten Gespräch hintereinander darauf angesprochen wird, was denn an seiner letzten Arbeitsstelle vorgefallen wäre, dass er nach so kurzer Zeit und einer derart erfolgreich bewerteten Tätigkeit dort weggehe, fragt er mich nach meiner Einschätzung. Wir sind uns schnell einig, dass die zu gute Bewertung seiner Vertriebsergebnisse in seiner beruflichen Entwicklung eher unglaubwürdig wirkt und etwas gedämpft werden sollte. Der ehemalige Arbeitgeber lässt sich netterweise ganz problemlos auf eine Änderung des Zeugnisses ein, der Bewerbungsprozess verläuft anschließend reibungslos und mündet schließlich in einen neuen, technikorientierten Job.

Und zu guter Letzt bewirbt sich ein Herr auf eine Führungsposition. Laut seines Lebenslaufes bringt er die geforderten Branchenkenntnisse mit, auch die notwendige Führungserfahrung hat er. Aber es ist verwirrend. Durch einen Betriebsübergang und damit eine Veränderung des Firmennamen liegen mehrere Zeugnisse vor und wann welche Tätigkeiten ausgeübt wurden, ist letztendlich nur mit einer genauen Zeitleiste feststellbar. Danach scheint seine Führungsrolle schon drei Jahre zurückzuliegen. Eigentlich nicht so tragisch ... wenn der Herr mit dieser Tatsache offen umgegangen wäre und wenn die Führungsfähigkeit eindeutig positiv bewertet wäre. Aber das war sie nicht, eher neutral erwähnt. Überflüssig zu betonen, dass der Herr nicht zum Vorstellungsgespräch eingeladen wurde.

Können Sie den Überlegungen in den Beispielen zustimmen? Oder ist das nach Ihrem Geschmack zu viel Interpretation? Egal, welche Position Sie einnehmen: Vergessen Sie nicht, dass der Empfänger Ihrer Bewerbung nur über eingeschränkte Informationen über Sie verfügt, nach denen er über sein Vorgehen entscheiden muss. Und wenn die (in seinen Augen!) nicht stimmig sind ...

Lassen Sie es sich trotzdem gut gehen!

Ihre
Sabine Kanzler

 

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