Über die Kunst und das Risiko, das eigene Auftreten richtig einzuschätzen...

26.06.2007

Sie sind zu einem ersten Gespräch in einem Unternehmen eingeladen, zu einem wichtigen Gespräch. Ob Sie dort als Vertreter Ihrer Firma erst ins Geschäft kommen wollen oder ob Sie ein Vorstellungsgespräch haben, ist erst einmal egal. Gemeinsam an diesen Anlässen ist die Tatsache, dass Sie etwas wollen, nämlich Ihr Gegenüber überzeugen, von sich, von Ihrer (Dienst-)Leistung, von Ihrem Produkt.

Das Unternehmen ist jung, hipp und gehört zu denen, die Trends setzen. "Sag mal", so fragt mich ein Bekannter, "was würdest Du an meiner Stelle in so einem Fall anziehen? Würdest Du eine Krawatte tragen oder nur Anzug mit Oberhemd?"

Eine gute Frage ... , die so gut wie nie mit einer so einfachen Aussage wie "Anzug und Hemd mit Krawatte!" oder "Bloß keine Krawatte, das wirkt in so einem Umfeld spießig!" zu beantworten ist. Denn Kleidung schützt bekanntermaßen nicht nur gegen die Unbillen der Witterung, Kleidung ist auch Selbstinszenierung und Botschaft. Der Chef dieses Unternehmens trage nie Krawatte, zu keinem Anlass - diese Information macht die Entscheidung nur scheinbar einfacher.

Prinzipiell gibt es ja zwei Möglichkeiten, vorausgesetzt, Alter und Figur signalisieren nicht ganz eindeutig, dass die klassische Variante die einzig angemessene ist. Die erste? Mann geht korrekt (und für ein hippes Unternehmen etwas langweilig?) gekleidet: dunkler Anzug, weißes oder hellblaues Hemd, klassische Krawatte. Da kann man nichts falsch machen. Oder doch?
Die andere: Mann passt sich dem lockeren, modernen Stil des Hauses an und geht eher zwanglos zum Termin - zwar mit Sakko, aber ohne Krawatte und vielleicht einem dunklen Hemd dazu.

Gehen wir einmal nicht nach modischem Geschmack, sondern sehen wir uns das Ganze von psychologischer Seite und unter dem Gesichtspunkt der Kommunikation an. Nach Schulz von Thun enthält jede Nachricht (in diesem Falle: Ihre Bekleidung) neben der sachlichen Botschaft noch drei andere: die Aussage über sich, die Botschaft über die Beziehung zum Gegenüber und den Appell. Und jede dieser Botschaften kann von Ihrem Gegenüber sowohl positiv als auch negativ aufgenommen und bewertet werden. Hier eine kleine Auswahl an Möglichkeiten ...

...zum klassischen Outfit. Ihre Botschaften sind klar. Sie wollen Ihrem Gegenüber Wertschätzung signalisieren, zeigen, dass Sie wissen, was sich gehört und was im Geschäftsleben üblich ist in einem wichtigen Gespräch. Aber was denkt Ihr Gegenüber? "Schön, wir sind ihm seinen besten Zwirn wert, der weiß, was sich gehört!" zum Beispiel. Oder "Oh je, wie spießig ... wo doch Krawatte hier ein absolutes "no-go" ist!" Vielleicht auch "Du gute Güte, glaubt der, hier einen damit beeindrucken zu können?" Nicht sehr schmeichelhaft, die beiden letzten Gedankengänge! Sie werden es schwer haben mit Ihrer Überzeugungsarbeit bei solchen Vorannahmen.

Also die lockere Alternative! Auch hier ist klar, was Sie wollen. Sie signalisieren, dass Sie sich informiert haben, dass Sie schon auf den ersten Blick dazu gehören, das Unternehmen repräsentieren und seine Zielgruppe ansprechen können, dass Sie ebenso cool sind wie das Unternehmen. Im besten Falle kommen diese Botschaften an. Im schlechtesten? "Na, da hat es einer aber nötig, wenn er schon im ersten Kontakt so auf locker macht!" Und wenn Sie dann noch auf den Chef treffen (Sie wissen ja, der trägt nie eine Krawatte!), dann heißt das ja nicht, dass er sie bei offiziellen Treffen, da, wo er der Herr im Haus ist, nicht von andern erwartet. Nie eine Krawatte zu tragen, das ist vielleicht sein Markenzeichen (und sein Stil zu zeigen, wer hier das Alphatier ist und sich das erlauben kann). Wenn dann der Besucher auch keine trägt, dann versucht der ihm vielleicht seine Position streitig zu machen. Und was haben manche von uns im Lateinunterricht oder bei Asterix und Obelix gelernt? Quod licet Iovi, non placet bovi oder, sehr frei übersetzt "Wie der Herr, sos Gescherr" gilt noch lange nicht immer! Auch nicht optimal.

Ein ehemaliger Kunde, ein Ingenieur, hatte für sein Vorstellungsgespräch ein ähnliches Problem. Er wirkte in seinem Auftreten sehr souverän und authentisch, hatte auch die optimale Mischung zwischen seriös und zwanglos im Blick... und ich hatte empfohlen, er solle doch die Krawatte mitnehmen und kurzfristig nach Bauchgefühl entscheiden.

Es war schrecklich heiß am Tag des Vorstellungsgespräches. Die Krawatte steckte zusammengerollt in der Hemdentasche und er begann das Gespräch mit der Frage, ob in Anbetracht der Hitze ... er habe sie dabei und wenn es denn gerne gesehen würde...! Großes Gelächter, der Geschäftsführer und der Personaler waren auch krawattenlos, die Welt war in Ordnung und er bekam den Job.

Im oben beschriebenen Falle entschied sich der Herr für eine Kombination beider Möglichkeiten: Sakko, dunkles Hemd und Krawatte! Das Gespräch sei sehr angenehm und konstruktiv verlaufen, hieß es. Auf das Ergebnis warten wir noch!

Ihre Sabine Kanzler

Ach ja, für alle Interessierten die Literaturangabe: Friedemann Schulz von Thun, Miteinander reden Bd. 1 - 3, erschienen im Rowohlt Verlag

 

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