Gefangen im Netz? [Teil3]

27.06.2006

Stellen Sie sich vor, Sie stehen in lockerer Runde zusammen. Sie kennen die Anwesenden zwar gar nicht oder nur flüchtig, aber jeder hat ja sein Namensschild mit dem eigenen Unternehmen an die Brust geheftet. Man kann sich also namentlich ansprechen. Die Stimmung ist ganz gut, man unterhält sich über dies und das, auch über berufliche Themen. Das Schöne: Es scheinen ein paar kompetente Leute dabei zu sein aus verschiedenen Firmen und aus verschiedenen hierarchischen Stufen. Würden Sie in dieser Runde anfangen, über Ihren Chef herzuziehen? Oder über Ihr Kündigungsverfahren im letzten Unternehmen und die seltsamen Methoden der Geschäftsleitung, die dazu geführt haben? Würden sie jemanden, der anderer Meinung ist als Sie, beschimpfen, ihm mit wenig netten Worten Inkompetenz vorwerfen, eben so richtig schön ausfallend werden? Wie ein Fischweib ums Rechthaben streiten?

Absurd, so ein Gedanke, nicht? Und genau das passiert täglich immer wieder, hundertfach. Nicht nur vor zehn oder zwanzig Leuten, soweit eben in einem Gesprächskreis die eigene Stimme trägt, sondern vor hunderten und tausenden potentieller Mithörer....oder eher Mitleser. Es geht hier und heute um Netze in virtuellen Räumen, um Networking in Communities.

Je größer eine Community ist, je bunter die Mitgliederstruktur, umso attraktiver ist sie für ihre Nutzer. Sie schafft unzählige Begegnungsmöglichkeiten, denn im Netz „reden“ Leute miteinander, die sich im Leben nie getroffen hätten, über Kontinente hinweg, über Altersgrenzen, über Hierarchien. Das Netz ist da sehr demokratisch! Chancen gibt es also unzählige, sich in Communities zu engagieren und diese für die eigene berufliche Entwicklung zu nutzen: zur Information, zur Selbstdarstellung, zur Kontaktaufnahme...

Was bringt Menschen dazu, sich in solch einem Rahmen zu benehmen wie die Axt im Walde? Oder ihr ganzes Leben dort auszubreiten inklusive aller beruflicher Kränkungen, die sie erlitten haben? Als Akademiker (bei denen man ja doch von einer guten Schulbildung und der Fähigkeit zur Recherche in Sachfragen ausgeht) Fragen zu stellen, die mit fünf Minuten Nachdenken oder dem Griff zum Lexikon zu beantworten wären? Wissen die nicht, dass ihre Kollegen, ihr Chef vielleicht mitliest und sich sein Teil denkt?

Manchmal scheint es, als verneble die Chance, in einem Diskussionsforum kostenlosen Rat zu bekommen, das Urteilsvermögen über das, was man in der Öffentlichkeit klugerweise von sich preisgibt. Je genauer die Angaben über das Problem, umso differenzierter und umfassender die Anmerkungen der anderen Forenteilnehmer – nur weiß dann leider auch jeder über die Höhen und Tiefen meiner beruflichen Probleme Bescheid.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Natürlich können und sollen in Communities Fragen gestellt und Diskussionsbeiträge geliefert werden. Nur mit Beteiligung leben solche Gemeinschaften, nur darüber werden Sie sichtbar als interessanter Gesprächspartner. Es genügt nicht, nur irgendwo Mitglied zu sein – ich muss mich auch irgendwie zeigen, greifbar und einschätzbar werden und auf andere Menschen zugehen, eben aktiv sein.

Aber es gibt Grenzen, was angemessen ist – wie im realen Leben ja auch. Wenn Sie eine Führungsposition anstreben, dann sollten Sie nicht wie ein trotziges Kind auftreten, das beleidigt ist, weil ihm sein Arbeitgeber noch kein entsprechendes Angebot gemacht hat. Fragen Sie lieber nach, wie Sie seine Einschätzung Ihrer Fähigkeiten positiv beeinflussen können. Wenn Sie arbeitslos sind und eine neue Stelle suchen, schimpfen Sie nicht öffentlich über die Unfähigkeit von Unternehmen, Ihre Qualifikationen zu erkennen, sondern suchen Sie nach Ratschlägen, wie Sie die Darstellung Ihrer Kompetenzen nachvollziehbar machen können.

Kurz und gut: Verhalten Sie sich in virtuellen Netzwerken ebenso, wie Sie es auch in realer beruflicher Umgebung tun würden. Und wenn Sie dann für dieses Verhalten massiv Kontra bekommen, dann machen Sie doch sicherheitshalber einmal die Gegenprobe und überprüfen, ob gewisse Turbulenzen in der Realität vielleicht ebenfalls auf unangemessenes Verhalten Ihrerseits zurückzuführen sind.

Es bleibt ein Trost: Das Netz vergisst! Wer sich also nur einmal im Ton vergallopiert hat, hat gute Chancen, „unerkannt“ zu bleiben bzw. vergessen zu werden. Denn wenn sein Diskussionsstrang auf die zweite Seite rutscht, dann ist er praktisch aus dem Schneider. Wer ganz sicher gehen will, wie „seine“ Communites mit der Privatsphäre der Nutzer umgehen, der googelt doch einfach mal seinen Namen.

Ihre Sabine Kanzler

 

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