Zwei Mädchen, die in Heimarbeit Papierblumen herstellen
 

My home is my castle

Vom Wohl und Wehe der Heimarbeit

Ausschließlich unter Genussgesichtspunkten betrachtet unter besonderer Berücksichtigung des passionierten Kaffeetrinkers ist ein Homeoffice unschlagbar! Denn in welchem Büro, in welcher Kantine kommt wirklich guter Kaffee aus der Maschine? Zuhause habe ich die Hoheit: über die Maschine, über die Kaffeesorte über Milch oder vielleicht doch Sahne, über Zucker oder Süßstoff. Wenn man dann noch die Staumeldungen im Radio hört oder die Meldungen über Verspätungen bei den öffentlichen Verkehrsmitteln, die Preise für Sprit an der Tankstelle klettern sieht, dann, ja dann kann es doch nichts Besseres geben als Homeoffice, nicht?

Und nun das – das Zitat einer betroffenen Mitarbeiterin: „Ich habe das Gefühl, im Homeoffice weniger zu arbeiten für mein Geld. Deshalb habe ich die Tendenz, extra etwas mehr zu tun. Bsp: Nach drei Stunden konzentrierter Arbeit ist ein Projekt vollendet, das ich im Büro mit zahlreichen Ablenkungen nicht in fünf Stunden geschafft hätte. Trotzdem habe ich das Gefühl, zu wenig getan zu haben, gerade zu geschummelt zu haben, wenn ich jetzt aufhöre. Völlig krank, aber ich bin einfach nicht homeoffice-fähig. Mich stresst Homeoffice“.

Für viele ist Homeoffice ein Traum, für manche, die es haben, ein Alptraum. Denn es heißt zwar „My home is my castle“, aber dass „my home“ auch „my office” ist, das hat man eigentlich nie so richtig gemeint, wenn vom „heimischen Herd“, von „Trautes Heim, Glück allein!“ die Rede war. Und auch der „müde Krieger“ kehrte nur „heim“!

Verräterischerweise wird uns das Arbeiten zuhause ja auf gut denglisch nahe gebracht. „Homeoffice“ statt „Heimbüro“ oder gar „Heimarbeit“. Vor allem Letzteres klingt nach dem Binden von Papierblumen, zu dem sich die Familien Anfang des 20sten Jahrhunderts während der Depression um den Küchentisch versammelten, weil Vater seinen Arbeitsplatz verloren hatte. Uncool und gar nicht dem Bild einer schönen neuen Welt entsprechend!

Vor allem Frauen träumen von der Möglichkeit, von zuhause aus zu arbeiten. Endlich Kinder und Berufstätigkeit gut unter einen Hut zu bekommen. Kein schlechtes Gewissen haben zu müssen, wenn man die lieben Kleinen frühmorgens noch leicht verpennt bei der Tagesmutter oder in der Kita abliefert. Dagegen die reine Idylle: Die Kinder spielen zufrieden in ihrem Zimmer und Mama schreibt Berichte, bearbeitet Tabellen und telefoniert mit Kollegen in einer Telefonkonferenz. Doch spätestens dann, wenn Mäxchen heulend am Schreibtisch steht, weil Lisa ihm den roten Stift nicht geben will, bekommt die Idylle Risse und man merkt, dass man mindestens ebenso viel organisieren muss wie im normalen Büroalltag, dass man Grenzen setzen muss und folgerichtig Homeoffice nichts für Weicheier und Konfliktscheue ist.

Die Themen, die es zu klären gilt, sind vielschichtig und die Liste ist lang: Austausch mit Kollegen, Festlegung von Arbeitszeiten, Abgrenzung von allzu übergriffigen Vorgesetzten, die auch spät abends oder am Wochenende etwas erledigt haben wollen, klare Vereinbarungen über die Organisation des Homeoffice, über Rechte und Pflichten des Mitarbeiters mit dem Unternehmen.

Dazu noch die Sache mit der Motivation und der eigenen Disziplin! Geht man einfach so, noch halb im Schlafanzug, an den Schreibtisch? Und wie fühlt man sich dann? Schiebt man unangenehme Dinge auf und trödelt in den diversen Internetforen herum, wenn einem die soziale Kontrolle durch Kollegenblicke fehlt? Zerreißt man sich zwischen dem doppelten Perfektionswahn von dem verantwortungsvollen Familienmenschen, der seine Kinder gut aufzieht und dem ehrgeizigen Mitarbeiter, der einen fachlich guten und anspruchsvollen Job machen will? Und der mit Vorgesetzten zu tun hat, die dieser Art der Organisation mit Misstrauen gegenüberstehen!

Anja, im Vertrieb und der Kundenbetreuung von Firmenkunden tätig, war es so gegangen. Der Rahmenvertrag, den sie mit ihrem Unternehmen geschlossen hatte, war für sie nicht zu erfüllen, selbst dann nicht, nachdem das zweite Kind eingeschult worden war. Erschöpft und frustriert suchte sie das Gespräch mit ihrem Vorgesetzten, der sich bei ihrem Wunsch nach einer Veränderung der Bedingungen nicht sehr kooperationswillig zeigte. Das änderte sich, als nach einer Auswertung von Daten deutlich wurde, dass sie bei der Anzahl der Vertragsabschlüsse und bei der Messung der Kundenzufriedenheit weit vorn an der Spitze lag. Vor allen anderen Kollegen, die ganz normal täglich in der Zentrale an ihrem Arbeitsplatz waren. Eine Anpassung der Rahmenbedingungen nach ihren Wünschen ging auf einmal ganz einfach, die Welt zuhause und ihre Arbeitszufriedenheit ist seither in Ordnung, die Kennzahlen für ihre Tätigkeit stimmen immer noch, die Prämienzahlungen fürs Übertreffen der Zielvereinbarung auch.

Dass das eigene Zuhause gleichzeitig Castle und Office ist, geht also wohl doch. Grundvoraussetzungen sind die passende Persönlichkeit (inklusive Arbeitsmoral!) des Mitarbeiters und ein gesprächsbereites Unternehmen. Und das Bewusstsein, dass das Schloss am besten zwei getrennten Bereichen fürs Home und fürs Office braucht. Dazu den festen Wille, die jeweiligen Zugbrücken nur für bestimmte Zeiten herunterzulassen.

Beste Frühlingsgrüße!
Ihre Sabine Kanzler

Bild:
Lewis Hine: Two girls assembling paper flowers, New York, 1924
Wikimedia Commons / trialanderrors auf flickr.com / This picture is in the public domain.

 

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Sabine Kanzler-Magrit
 

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