Sabine Kanzler - Karrierecoach

Wünsche ans Christkind

Es ist wieder Wunschzettelzeit.

Kerzenlichter überall und in den Geschäften wurde das Papier für die Wunschzettel knapp. Ganz eindeutige Zeichen, dass Weihnachten vor der Tür stand.

Wie jedes Jahr um diese Zeit hatten die beiden, die bei uns fürs Erfüllen von Wünschen zuständig sind, einen Termin: Christkind und Weihnachtsmann trafen sich zu ihrem jährlichen Vorweihnachtsmeeting, um Genaueres für die Geschenkauslieferung am Heiligen Abend abzustimmen. Gleichzeitig bot sich das Treffen an, die Trends im Wunschverhalten der Erdenbürger  festzustellen. Schließlich musste das himmlische Beschaffungswesen rechtzeitig fürs kommende Jahr vorplanen!

Das Christkind hatte Lebkuchen, Spekulatius und Glühwein mitgebracht, der Weihnachtsmann vorsorglich eine Flasche Rum zur Verstärkung des Glühweins. Er kannte die Vorliebe des Christkindes für kindlich-unschuldigen Labsal.

Da saßen sie also, knabberten Gebäck und schauten die Wunschzettel durch: die der Kinder an die Eltern, der Liebespaare, der Ehepartner. Wenig Überraschendes war zu finden, die üblichen Puppen, Teddybären, Legosteine, ergänzt durch Smartphones, DVDs, Computerspiele, Schmuck, Uhren … und bei ganz Kulturbeflissenen sogar Bücher oder Theaterkarten.

Darunter aber – ganz neu! – ein dicker Packen mit weiteren Wunschzetteln. „Schau mal, Weihnachtsmann“, meinte das Christkind, „jetzt schreiben sie auch schon Wunschzettel an uns, dass wir was mit ihren Chefs machen sollen!“ und es begann vorzulesen.

„Liebes Christkind“, so stand da, „ich wünsche mir von Dir zu Weihnachten einen Chef,  der im nächsten Jahr immer fair zu mir ist, mich respektvoll behandelt, Fehler zugibt, die er gemacht hat. Der klare Entscheidungen trifft und die für mich transparent und nachvollziehbar macht. Dann soll er mich bitte motivieren und inspirieren, er sollt mich fördern, mir spannende Aufgaben geben und mich mit viel Eigenverantwortung arbeiten lassen. Und dann soll er mich konstruktiv kritisieren und nie meckern oder laut werden, wenn ich mal was versemmelt habe. Er soll mir vertrauen und mich selbstbestimmt arbeiten lassen. Und mehr Geld will ich bitte auch haben im nächsten Jahr. Und natürlich einen sicheren Arbeitsplatz. Außer, ich will selber woanders hin. Dann wünsche ich mir von Dir, dass ich eine tolle Stellenanzeige finde und mein neuer Chef nett zu mir ist im Vorstellungsgespräch. Und dass ich den Job dann auch bekomme. Vielen Dank schon mal!“

Der Weihnachtsmann rückte seine Brille auf die Nasenspitze und schaute das Christkind an. „Das alles wünschen sie sich? Wie oft denn im nächsten Jahr? Einmal?“ Das Christkind blätterte in den Papieren, drehte die Zettel um. „Davon steht da nichts. Aber ich glaube, die wollen so einen Chef jeden Tag haben.“

Nun war das Christkind die Güte in Person und liebte die Menschen wirklich. Also wollte es auch, dass sie glücklich sein sollten. Aber hier war es beim Lesen immer blasser geworden. „Es stimmt ja, es gibt große Sünder unter den Chefs und zu so manchem, Weihnachtsmann, musst Du am 5. Dezember Deinen Verwandten mit dem Knecht Ruprecht hinschicken, damit der ihnen mal richtig die Leviten liest. Aber alles, was auf dem Wunschzettel steht … das ist so viel! Gibt es denn überhaupt so viel Menschen, die das alles sind und dazu noch Chefs?“ Und dicke Tränen kullerten aus seinen Augen.

Dem Weihnachtsmann bracht fast das Herz. „Gib mal her!“ sagte er, als er den Packen mit den Wunschzetteln zu sich herzog und im Gegenzug dem in Tränen aufgelösten Christkind ein Maxipaket Tempotaschentücher rüberreichte. „Ich mach das schon!“

Und während das Christkind sich die Nase schnaubte und er sich einen kräftigen Schluck Rum zur Stärkung in seinen Glühwein goss, zog er seinen dicken, roten Stift hinterm Ohr hervor und begann, auf den Wunschzetteln beherzt zu streichen.

Ich wünsche Ihnen ein frohes Weihnachtsfest und ein gutes Jahr 2017!
Ihre Sabine Kanzler

21.12.2016

Bild: Marijus Auruskevicius/shutterstock.com

2017-06-27T16:23:07+00:00 21. Dezember 2016|Sabine Kanzler - Karrierecoach|